Der junge Hazara Mohomad Hussain aus Pakistan spricht über seinen langen Weg nach Deutschland und die Gründe für seine Flucht. Katja Hildebrand liest aus ihrem Buch „Mohomad- der Traum von einem Leben im Frieden“.

Lesung im Theaterkeller der Georg-Wagner-Schule vor über 45 Zuhörern abends und vor 80 Schülern am Nachmittag.

Eigentlich ist er ein höflicher, bescheidener junger Kerl, der da auf der Bühne des Theaterkellers der Georg-Wagner-Schule Platz genommen hat. An seiner Seite Katja Hildebrand, die es nicht dabei beließ Mohamad so etwas wie eine neue Familie fern der Heimat zu geben. Sie wollte verstehen und begreifen, was Mohomad auf sich genommen hat, um dem islamistischen Terror in seiner pakistanischen Heimat zu entgehen, der seinem Vater 2013 das Leben gekostet, Mohomad schwer verletzt und bis heute für die Volksgruppe der Hazara eine reale Bedrohung darstellt.

Wenn Mohamad dann aber in seinem Element ist, dann war auch auch er in diesem Tagen in der GeWaS gar nicht mehr so schüchtern. Er zeigte seine Wut über den tödlichen Terror, dem er, seine Familie und seine Volksgruppe der Hazara in Pakistan und Afghanistan ausgesetzt seien. Überhaupt macht er überdeutlich, dass er Menschen, die anderen Menschen aus Hass oder anderen niedrigen Beweggründen Leid zufügen, niemals verstehen wird.

Die Hazara sehen vielleicht anders aus als viele Menschen in diesen Ländern, die uns im Westen Europas so fremd sind. Sie sind aber auch Muslime, Schiiten im Unterschied zu den anderen Gruppen dort, gelten als fleißig und gebildet. Das scheint nicht nur den Taliban in Afghanistan zu missfallen. Sowohl in Afghanistan als auch in Pakistan sind die Hazara, die möglicherweise ihre Ursprünge in den Weiten der ostasiatischen Steppen haben, seit Jahren Repressionen, Gewalt und Terror ausgesetzt. Sobald die Frauen das Hazara-Ghetto in Mohomads Heimatstadt Quetta verlassen, müssen sie sich verhüllen, um nicht Opfer rassistischer und religiöser Gewalt zu werden. Mohamad versteht diesen ganzen Hass nicht. Er will, dass sich die Menschen gegenseitig akzeptieren und respektieren, egal wer sie sind und wie sie sind.

In seinem Element ist Mohomad aber auch, wenn er, der angehende Fleischer, in der Schulküche wirbeln kann. Mit Unterstützung der Catering-AG zauberte Mohamad leckeres Fingerfood aus seiner Heimat auf die Buffet-Tische für den Schülervortrag nachmittags und für die abendliche Lesung. Kochen und Speisen zubereiten, das sind seine Leidenschaft, deswegen trat er die Ausbildung zum Fleischer an, die er in diesem Jahr noch zu Ende bringen wird.

Er erzählt mit strahlenden Augen davon, dass er zu verschiedenen Anlässen unterschiedliche Gruppen bekocht hat. Wenn er nicht übertrieben hat, dann müssen das eine ganze Menge gewesen sein, und Mohamad dürfte nicht geruht haben, bis alle gut versorgt und satt waren. Seine Beharrlichkeit, seine Leidenschaft und sein Lebensmut waren es vielleicht auch, die ihn die vielen tausend Kilometer, durch fremde und oft feindseligen Länder, durch unwirtliche Steppen, Grenzen überquerend, in einem Schlauchboot über das offene Meer in Gruppen, mit einem Freund auf dem Moped oder ganz alleine nach Deutschland gebracht haben.

Viele diese Kilometer ist er zu Fuß unterwegs gewesen, voller Angst, die meiste Zeit unter Schmerzen wegen seiner Nierensteine und nicht selten unterwegs der Willkür der örtlichen Behörden, zum Beispiel der rüden Methoden der ungarischen Grenzer ausgesetzt.

Wie durch ein Wunder kam doch an in Deutschland, landete in der St. Josefspflege und bei Familie Hildebrand und vielen anderen Freunden, die er inzwischen hier gefunden hat.

Mohomad hat es geschafft. Hier geht es ihm gut, hier kann er leben, wenn man ihn lässt. Die Familie musste er zurücklassen, das Geld hätte nicht gereicht für alle, Mutter und Schwester hätten außerdem wahrscheinlich die pakistanische Grenze nicht erreicht, ohne islamistischen Sklavenhändlern in die Hände zu fallen. Mohomad weiß, dass eine Rückkehr nach Pakistan für ihn   wahrscheinlich den Tod bedeuten wird. Das wissen alle, die sich mit den Lebensbedingungen der Hazara in Pakistan und Afghanistan auskennen.

Trotzdem ist sein Mut ungebrochen, sein Wille, sich hier ein Leben aufzubauen, in seiner „neuen Heimat“ wie er sagt. In seiner traditionellen Kleidung spricht er trotz allem, was er erlebt und gesehen hat, voller Freude und einnehmendem Humor über seine Träume und Hoffnungen.  Mohomad will nichts geschenkt, er will zeigen, was er kann, er will arbeiten, seine Ausbildung abschließen und bleiben. Er will seinen Beitrag leisten für ein gutes Zusammenleben.

Diese Ausbildung, die ihn im Moment noch vor der Abschiebung schützt. Die Abschiebung, die noch immer im Raum steht, weil nicht jeder Entscheider weiß, was Mohomad und anderen Hazaras blüht, wenn sie wieder in Pakistan landen.

Alle, die Mohomad und seine Geschichte kennen und die vielleicht auch Katja Hildebrands Buch gelesen haben, wissen das spätestens nach diesen beiden beindruckenden Lesungen.

Der junge Hazara mag ein Einzelschicksal sein. Aber seine Geschichte beantwortet so viele Fragen, die manch einer einem Geflüchteten stellen sollte und könnte. Mohomad gibt Antworten, weil er überleben will.

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